martedì 17 dicembre 2013

SKDP/11/002-1. § 11. Johann Wolfgang von Goethe: “Die gefährliche Wette”

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Johann Wolfgang von Goethe
Libero adattamento per finalità autodidattiche di testi e registrazioni di pubblico dominio tratti da Librivox. Acoustical liberation of books in the public domain. Testo tratto da Projekt Gutenberg.de e registrazione da Librivox.org Serie: Sammlung kurzer deutscher Prosa 002/1. - Nostra numerazione del Brano: 11. Reader: ekyale / download  di “Die gefährliche Wette” (1).  Etext: Projek Gutenberg Spiegel.de/Goethe  - Dizionari: Dicios; Sansoni:.

Die gefährliche Wette
Erzählung aus Wilhelm Meisters Wanderjahre
(Geschrieben 1807/08)
Johann Wolfgang von Goethe
(1749-1832)

Es ist bekannt, daß die Menschen, sobald es ihnen einigermaßen wohl und nach ihrem Sinne geht, alsobald nicht wissen, was sie vor Übermut anfangen sollen; und so hatten denn auch mutwillige Studenten die Gewohnheit, während der Ferien scharenweis das Land zu durchziehen und nach ihrer Art Suiten zu reißen, welche freilich nicht immer die besten Folgen hatten. Sie waren gar verschiedener Art, wie sie das Burschenleben zusammenführt und bindet. Ungleich von Geburt und Wohlhabenheit, Geist und Bildung, aber alle gesellig in einem heitern Sinne miteinander sich fortbewegend und treibend. Mich aber wählten sie oft zum Gesellen: denn wenn ich schwerere Lasten trug als einer von ihnen, so mußten sie mir denn auch den Ehrentitel eines großen Suitiers erteilen, und zwar hauptsächlich deshalb, weil ich seltener, aber desto kräftiger meine Possen trieb, wovon denn folgendes ein Zeugnis geben mag.

Wir hatten auf unseren Wanderungen ein angenehmes Bergdorf erreicht, das bei einer abgeschiedenen Lage den Vorteil einer Poststation und in großer Einsamkeit ein paar hübsche Mädchen zu Bewohnerinnen hatte. Man wollte ausruhen, die Zeit verschleudern, verliebeln, eine Welle wohlfeiler leben und deshalb desto mehr Geld vergeuden.

Es war gerade nach Tisch, als einige sich im erhöhten, andere im erniedrigten Zustand befanden. Die einen lagen und schliefen ihren Rausch aus; die andern hätten ihn gern auf irgendeine mutwillige Weise ausgelassen. Wir hatten ein paar große Zimmer im Seitenflügel nach dem Hof zu. Eine schöne Equipage, die mit vier Pferden hereinrasselte, zog uns an die Fenster. Die Bedienten sprangen vom Bock und halfen einem Herrn von stattlichem, vornehmem Ansehen heraus, der ungeachtet seiner Jahre noch rüstig genug auftrat. Seine große, wohlgebildete Nase fiel mir zuerst ins Gesicht, und ich weiß nicht, was für ein böser Geist mich anhauchte, so daß ich in einem Augenblick den tollsten Plan erfand und ihn, ohne weiter zu denken, sogleich auszuführen begann.

»Was dünkt euch von diesem Herrn?« fragte ich die Gesellschaft. – »Er sieht aus«, versetzte der eine, »als ob er nicht mit sich spaßen lasse.« – »Ja, ja«, sagte der andre, »er hat ganz das Ansehen so eines vornehmen Rührmichnichtan.« – »Und dessenungeachtet«, erwiderte ich ganz getrost, »was wettet ihr, ich will ihn bei der Nase zupfen, ohne daß mir deshalb etwas Übles widerfahre; ja ich will mir sogar dadurch einen gnädigen Herrn an ihm verdienen.«

»Wenn du es leistest«, sagte Raufbold, »so zahlt dir jeder einen Louisdor.« – »Kassieren Sie das Geld für mich ein«, rief ich aus; »auf Sie verlasse ich mich.« – »Ich möchte lieber einem Löwen ein Haar von der Schauze raufen«, sagte der Kleine. – »Ich habe keine Zeit zu verlieren«, versetzte ich und sprang die Treppe hinunter.

Bei dem ersten Anblick des Fremden hatte ich bemerkt, daß er einen sehr starken Bart hatte, und vermutete, daß keiner von seinen Leuten rasieren könne. Nun begegnete ich dem Kellner und fragte: »Hat der Fremde nicht nach einem Barbier gefragt?« – »Freilich!« versetzte der Kellner, »und es ist eine rechte Not. Der Kammerdiener des Herrn ist schon zwei Tage zurückgeblieben. Der Herr will seinen Bart absolut los sein, und unser einziger Barbier, wer weiß, wo er in die Nachbarschaft hingegangen.«

»So meldet mich an«, versetzte ich; »führt mich als Bartscherer bei dem Herrn nur ein, und Ihr werdet Ehre mit mir einlegen.« Ich nahm das Rasierzeug, das ich im Hause fand, und folgte dem Kellner.

Der alte Herr empfing mich mit großer Gravität, besah mich von oben bis unten, als ob er meine Geschicklichkeit aus mir herausphysiognomieren wollte. »Versteht Er Sein Handwerk?« sagte er zu mir.

»Ich suche meinesgleichen«, versetzte ich, »ohne mich zu rühmen.« Auch war ich meiner Sache gewiß: denn ich hatte früh die edle Kunst getrieben und war besonders deswegen berühmt, weil ich mit der linken Hand rasierte.

Das Zimmer, in welchem der Herr seine Toilette machte, ging nach dem Hof und war gerade so gelegen, daß unsere Freunde füglich hereinsehen konnten, besonders wenn die Fenster offen waren. An gehöriger Vorrichtung fehlte nichts mehr. Der Patron hatte sich gesetzt und das Tuch vorgenommen. Ich trat ganz bescheidentlich vor ihn hin und sagte: »Exzellenz! mir ist bei Ausübung meiner Kunst das Besondere vorgekommen, daß ich die gemeinen Leute besser und zu mehrerer Zufriedenheit rasiert habe als die Vornehmen. Darüber habe ich denn lange nachgedacht und die Ursache bald da, bald dort gesucht, endlich aber gefunden, daß ich meine Sache in freier Luft viel besser mache als in verschlossenen Zimmern. Wollten Ew. Exzellenz deshalb erlauben, daß ich die Fenster aufmache, so würden Sie den Effekt zu eigener Zufriedenheit gar bald empfinden.« Er gab es zu, ich öffnete das Fenster, gab meinen Freunden einen Wink und fing an, den starken Bart mit großer Anmut einzuseifen. Ebenso behend und leicht strich ich das Stoppelfeld vom Boden weg, wobei ich nicht versäumte, als es an die Oberlippe kam, meinen Gönner bei der Nase zu fassen und sie merklich herüber und hinüber zu biegen, wobei ich mich so zu stellen wußte, daß die Wettenden zu ihrem größten Vergnügen erkennen und bekennen mußten, ihre Seite habe verloren.

Sehr stattlich bewegte sich der alte Herr gegen den Spiegel: man sah, daß er sich mit einiger Gefälligkeit betrachtete, und wirklich, es war ein sehr schöner Mann. Dann wendete er sich zu mir mit einem feurigen schwarzen, aber freundlichen Blick und sagte: »Er verdient, mein Freund, vor vielen seinesgleichen gelobt zu werden, denn ich bemerke an Ihm weit weniger Unarten als an andern. So fährt Er nicht zwei-, dreimal über dieselbige Stelle, sondern es ist mit einem Strich getan; auch streicht Er nicht, wie mehrere tun, sein Schermesser in der flachen Hand ab und führt den Unrat nicht der Person über die Nase. Besonders aber ist Seine Geschicklichkeit der linken Hand zu bewundern. Hier ist etwas für Seine Mühe«, fuhr er fort, indem er mir einen Gulden reichte. »Nur eines merk' Er sich: daß man Leute von Stande nicht bei der Nase faßt. Wird Er diese bäurische Sitte künftig vermeiden, so kann Er wohl noch in der Welt sein Glück machen.«

Ich verneigte mich tief, versprach alles mögliche, bat ihn, bei allenfallsiger Rückkehr mich wieder zu beehren, und eilte, was ich konnte, zu unseren jungen Gesellen, die mir zuletzt ziemlich Angst gemacht hatten. Denn sie verführten ein solches Gelächter und ein solches Geschrei, sprangen wie toll in der Stube herum, klatschten und riefen, weckten die Schlafenden und erzählten die Begebenheit immer mit neuem Lachen und Toben, daß ich selbst, als ich ins Zimmer trat, die Fenster vor allen Dingen zumachte und sie um Gottes willen bat, ruhig zu sein, endlich aber mitlachen mußte über das Aussehen einer närrischen Handlung, die ich mit so vielem Ernste durchgeführt hatte.

Als nach einiger Zeit sich die tobenden Wellen des Lachens einigermaßen gelegt hatten, hielt ich mich für glücklich; die Goldstücke hatte ich in der Tasche und den wohlverdienten Gulden dazu, und ich hielt mich für ganz wohl ausgestattet, welches mir um so erwünschter war, als die Gesellschaft beschlossen hatte, des andern Tages auseinanderzugehen. Aber uns war nicht bestimmt, mit Zucht und Ordnung zu scheiden. Die Geschichte war zu reizend, als daß man sie hätte bei sich behalten können, so sehr ich auch gebeten und beschworen hatte, nur bis zur Abreise des alten Herrn reinen Mund zu halten. Einer bei uns, der Fahrige genannt, hatte ein Liebesverständnis mit der Tochter des Hauses. Sie kamen zusammen, und Gott weiß, ob er sie nicht besser zu unterhalten wußte, genug, er erzählt ihr den Spaß, und so wollten sie sich nun zusammen totlachen. Dabei blieb es nicht, sondern das Mädchen brachte die Märe lachend weiter, und so mochte sie endlich noch kurz vor Schlafengehen an den alten Herrn gelangen.

Wir saßen ruhiger als sonst: denn es war den Tag über genug getobt worden, als auf einmal der kleine Kellner, der uns sehr zugetan war, hereinsprang und rief: »Rettet euch, man wird euch totschlagen!« Wir fuhren auf und wollten mehr wissen; er aber war schon zur Türe wieder hinaus. Ich sprang auf und schob den Nachtriegel vor; schon aber hörten wir an der Türe pochen und schlagen, ja wir glaubten zu hören, daß sie durch eine Axt gespalten werde. Maschinenmäßig zogen wir uns ins zweite Zimmer zurück, alle waren verstummt: »Wir sind verraten«, rief ich aus, »der Teufel hat uns bei der Nase!«

Raufbold griff nach seinem Degen, ich zeigte hier abermals meine Riesenkraft und schob ohne Beihülfe eine schwere Kommode vor die Türe, die glücklicherweise hereinwärts ging. Doch hörten wir schon das Gepolter im Vorzimmer und die heftigsten Schläge an unsere Türe.

Raufbold schien entschieden, sich zu verteidigen, wiederholt aber rief ich ihm und den übrigen zu: »Rettet euch! hier sind Schläge zu fürchten nicht allein, aber Beschimpfung, das Schlimmere für den Edelgebornen.« Das Mädchen stürzte herein, dieselbe, die uns verraten hatte, nun verzweifelnd, ihren Liebhaber in Todesgefahr zu wissen. »Fort, fort!« rief sie und faßte ihn an; »fort, fort! ich bring' euch über Böden, Scheunen und Gänge. Kommt alle, der letzte zieht die Leiter nach.«

Alles stürzte nun zur Hintertüre hinaus; ich hob noch einen Koffer auf die Kiste, um die schon hereinbrechenden Füllungen der belagerten Türe zurückzuschieben und festzuhalten. Aber meine Beharrlichkeit, mein Trutz wollte mir verderblich werden.

Als ich den übrigen nachzueilen rannte, fand ich die Leiter schon aufgezogen und sah alle Hoffnung, mich zu retten, gänzlich versperrt. Da steh' ich nun, ich, der eigentliche Verbrecher, der ich mit heiler Haut, mit ganzen Knochen zu entrinnen schon aufgab. Und wer weiß – doch laßt mich immer dort in Gedanken stehen, da ich jetzt hier gegenwärtig euch das Märchen vorerzählen kann. Nur vernehmt noch, daß diese verwegene Suite sich in schlechte Folgen verlor.

Der alte Herr, tief gekränkt von Verhöhnung ohne Rache, zog sich's zu Gemüte, und man behauptet, dieses Ereignis habe seinen Tod zur Folge gehabt, wo nicht unmittelbar, doch mitwirkend. Sein Sohn, den Tätern auf die Spur zu gelangen trachtend, erfuhr unglücklicherweise die Teilnahme Raufbolds, und erst nach Jahren hierüber ganz klar, forderte er diesen heraus, und eine Wunde, ihn, den schönen Mann, entstellend, ward ärgerlich für das ganze Leben. Auch seinem Gegner verdarb dieser Handel einige schöne Jahre, durch zufällig sich anschließende Ereignisse.

Da nun jede Fabel eigentlich etwas lehren soll, so ist euch allen, wohin die gegenwärtige gemeint sei, wohl überklar und deutlich.

Quellenangabe: Johann Wolfgang von Goethe - year: 1989 - publisher: Philipp Reclam jun. address    Stuttgart title:    Die gefährliche Wette - pages 293-299 - firstpub: 1809.

SKDP/10/001-1. § 10. Heinrich von Kleistr: “Wassermänner und Sirenen”

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Heinrich von Kleist
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Wassermänner und Sirenen
Heinrich von Kleist
(1777-1811)

[369] In der Wiener Zeitung vom 30. Juli 1803 wird erzählt, daß die Fischereipächter des Königssees in Ungarn mehrmals schon, bei ihrem Geschäft, eine Art nackten, wie sie sagten, vierfüßigen Geschöpfs bemerkt hatten, ohne daß sie unterscheiden konnten, von welcher Gattung es sei, indem es schnell, sobald jemand sich zeigte, vom Ufer ins Wasser lief und verschwand. Die Fischer lauerten endlich so lange, bis sie das [369] vermeintliche Tier, im Frühling des Jahrs 1776, mit ihren ausgesetzten Netzen fingen. Als sie nun desselben habhaft waren, sahen sie mit Erstaunen, daß es ein Mensch war. Sie schafften ihn sogleich nach Kapuvar zu dem fürstlichen Verwalter. Dieser machte eine Anzeige davon an die fürstliche Direktion, von welcher der Befehl erging, den Wassermann gut zu verwahren und ihn einem Trabanten zur Aufsicht zu übergeben. Derselbe mochte damals etwa 17 Jahr alt sein, seine Bildung war kräftig und wohlgestaltet, bloß die Hände und Füße waren krumm, weil er kroch; zwischen den Zehen und Fingern befand sich ein zartes, entenartiges Häutchen, er konnte, wie jedes Wassertier, schwimmen, und der größte Teil des Körpers war mit Schuppen bedeckt.

Man lehrte ihn gehen, und gab ihm anfangs nur rohe Fische und Krebse zur Nahrung, die er mit dem größesten Appetit verzehrte: auch füllte man einen großen Bottich mit Wasser an, in dem er sich mit großen Freudenbezeugungen badete. Die Kleider waren ihm öfters zur Last und er warf sie weg, bis er sich nach und nach daran gewöhnte. An gekochte, grüne, Mehl- und Fleischspeisen hat man ihn nie recht gewöhnen können, denn sein Magen vertrug sie nicht; er lernte auch reden und sprach schon viele Worte aus, arbeitete fleißig, war gehorsam und zahm. Allein nach einer Zeit von drei Vierteljahren, wo man ihn nicht mehr so streng beobachtete, ging er aus dem Schlosse über die Brücke, sah den mit Wasser angefüllten Schloßgraben, sprang mit seinen Kleidern hinein und verschwand.

Man traf sogleich alle Anstalten, um ihn wieder zu fangen, allein alles Nachsuchen war vergebens, und ob man ihn schon nach der Zeit, besonders bei dem Bau des Kanals durch den Königssee, im Jahr 1803, wiedergesehen hat, so hat man seiner doch nie wieder habhaft werden können.

Dieser Vorfall wirft Licht über manche, bisher für fabelhaft gehaltene, See-Erscheinungen, die man Sirenen nannte. So sah der Entdecker Grönlands Hudson, auf seiner zweiten Reise, am 15. Juni 1608 eine solche Sirene und die ganze [370] Schiffsmannschaft sah sie mit ihm. Sie schwamm zur Seite des Schiffs und sah die Schiffsleute starr an. Vom Kopfe bis zum Unterleib glich sie vollkommen einem Weibe von gewöhnlicher Statur. Ihre Haut war weiß; sie hatte lange, schwarze, um die Schultern flatternde Haare. Wenn die Sirene sich umkehrte, so sahen die Schiffsleute ihren Fischschwanz, der mit dem eines Meerschweins viel Ähnlichkeit hatte, und wie ein Makrelenschwanz gefleckt war. – Nach einem wütigen Sturm im Jahr 1740, der die holländischen Dämme von Westfriesland durchbrochen hatte, fand man auf den Wiesen eine sogenannte Sirene im Wasser. Man brachte sie nach Haarlem, kleidete sie und lehrte sie spinnen. Sie nahm gewöhnliche Speise zu sich und lebte einige Jahre. Sprechen lernte sie nicht, ihre Töne glichen dem Ächzen eines Sterbenden. Immer zeigte sie den stärksten Trieb zum Wasser. – Im Jahr 1560 fingen Fischer von der Insel Ceylon mehrere solcher Ungeheuer auf einmal im Netze. Dimas Bosquez von Valence, der sie untersuchte und einige, die gestorben waren, in Gegenwart mehrerer Missionäre anatomierte, fand alle inneren Teile mit dem menschlichen Körper sehr übereinstimmend. Sie hatten einen runden Kopf, große Augen, ein volles Gesicht, platte Wangen, eine aufgeworfene Nase, sehr weiße Zähne, gräuliche, manchmal bläuliche Haare, und einen langen grauen bis auf den Magen herabhangenden Bart. – Hierher gehört auch noch der sogenannte neapolitanische Fischnickel, von welchem man in Gehlers physikalischem Lexikon eine authentische Beschreibung findet.

Quelle: Heinrich von Kleist: Werke und Briefe in vier Bänden. Band 3, Berlin und Weimar 1978, S. 369-371.  Lizenz: Gemeinfrei

SKDP/9/001-9. § 9. Friedrich Schiller: “Die Pest”

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Friedrich Schiller
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Die Pest
Friedrich Schiller
(1759-1805)

Gräßlich preisen Gottes Kraft
Pestilenzen, würgende Seuchen,
Die mit der grausen Brüderschaft
Durchs öde Tal der Grabnacht schleichen.
Bang ergreifts das klopfende Herz,
Gichtrisch zuckt die starre Sehne,
Gräßlich lacht der Wahnsinn in das Angstgestöhne,
In heulende Triller ergeußt sich der Schmerz.
Raserei wälzt tobend sich im Bette –
Giftger Nebel wallt um ausgestorbne Städte,
Menschen – hager – hohl und bleich –
Wimmeln in das finstre Reich.
Brütend liegt der Tod auf dumpfen Lüften,
Häuft sich Schätze in gestopften Grüften –
Pestilenz sein Jubelfest.
Leichenschweigen – Kirchhofstille
Wechseln mit dem Lustgebrülle,
Schröcklich preiset Gott die Pest.

Quelle: Friedrich Schiller: Sämtliche Werke, Band 1, München 31962, S. 97. Permalink: http://www.zeno.org/nid/20005595304 Lizenz: Gemeinfrei.

SKDP/8/001-8. § 8. Gottfried August Bürger: “Von Hunden und Pferden des Dreherrn von Münchhausen”

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Gottfried August Bürger
Libero adattamento per finalità autodidattiche di testi e registrazioni di pubblico dominio tratti da Librivox. Acoustical liberation of books in the public domain. Testo tratto da Project Gutenberg.de e registrazione da Librivox.org Serie: Sammlung kurzer deutscher Prosa 001/08. - Nostra numerazione del Brano: 8. Reader: ekyale / download  di “Von Hunden und Pferden des Freiherrn von Münchhausen” (8).  Etext: Gutenberg Spiegel.de  - Dizionari: Dicios; Sansoni:.

Von Hunden und Pferden des Freiherrn von Münchhausen (Münchhausen, Kapitel 4)   
Gottfried August Bürger
(1747-1794)

In allen diesen Fällen, meine Herren, wo ich freilich immer glücklich, aber doch nur immer mit genauer Not davonkam, half mir das Ohngefähr, welches ich durch Tapferkeit und Gegenwart des Geistes zu meinem Vorteile lenkte. Alles zusammengenommen macht, wie jedermann weiß, den glücklichen Jäger, Seemann und Soldaten aus. Der aber würde ein sehr unvorsichtiger, tadelnswerter Weidmann, Admiral und General sein, der sich überall nur auf das Ohngefähr oder sein Gestirn verlassen wollte, ohne sich weder um die besonders erforderlichen Kunstfertigkeiten zu bekümmern, noch sich mit denjenigen Werkzeugen zu versehen, die den guten Erfolg sichern. Ein solcher Tadel trifft mich keinesweges. Denn ich bin immer berühmt gewesen sowohl wegen der Vortrefflichkeit meiner Pferde, Hunde und Gewehre als auch wegen der besondern Art, das alles zu handhaben, so daß ich mich wohl rühmen kann, in Forst, Wiese und Feld meines Namens Gedächtnis hinlänglich gestiftet zu haben. Ich will mich nun zwar nicht auf Partikularitäten von meinen Pferd- und Hundeställen oder meiner Gewehrkammer einlassen, wie Stall-, Jagd- und Hundejunker sonst wohl zu tun pflegen, aber zwei von meinen Hunden zeichneten sich so sehr in meinen Diensten aus, daß ich sie nie vergessen kann und ihrer bei dieser Gelegenheit mit wenigem erwähnen muß. Der eine war ein Hühnerhund, so unermüdet, so aufmerksam, so vorsichtig, daß jeder, der ihn sah, mich darum beneidete. Tag und Nacht konnte ich ihn gebrauchen: wurd' es Nacht, so hing ich ihm eine Laterne an den Schwanz, und nun jagte ich so gut oder noch besser mit ihm als am hellen Tage. – Einst (es war kurz nach meiner Verheueratung) bezeugte meine Frau Lust, auf die Jagd zu gehen. Ich ritt voran, um etwas aufzusuchen, und es dauerte nicht lange, so stand mein Hund vor einer Kette von einigen hundert Hühnern. Ich warte und warte immer auf meine Frau, die mit meinem Leutnant und einem Reitknechte gleich nach mir weggeritten war; niemand aber war zu sehen und zu hören. Endlich werde ich unruhig, kehre um, und ungefähr auf der Hälfte des Weges höre ich ein äußerst klägliches Winseln. Es schien mir ziemlich nahe zu sein, und doch war weit und breit keine lebendige Seele zu erblicken. Ich stieg ab, legte mein Ohr auf den Boden, und nun hörte ich nicht nur, daß dies Jammern unter der Erde war, sondern erkannte auch ganz deutlich die Stimme meiner Frau, meines Leutnants und meines Reitknechts. Zugleich sehe ich auch, daß nicht weit von mir die Öffnung einer Steinkohlengrube war, und es blieb mir nun leider kein Zweifel mehr, daß mein armes Weib und ihre Begleiter da hineingestürzt waren. Ich eilte in voller Karriere nach dem nächsten Dorfe, um die Grubenleute zu holen, die endlich nach langer, höchst mühseliger Arbeit die Verunglückten aus einer neunzig Klafter tiefen Schacht zutage förderten. Erst brachten sie den Reitknecht, dann sein Pferd, dann den Leutnant, dann sein Pferd, dann meine Frau und zuletzt ihren türkischen Klepper. Das wunderbarste bei der ganzen Sache war, daß Menschen und Pferde bei diesem ungeheueren Sturze, einige kleine Quetschungen abgerechnet, fast gar nicht beschädigt waren; desto mehr aber hatten sie durch die unaussprechliche Angst gelitten. An eine Jagd war nun, wie Sie sich leicht vorstellen können, nicht mehr zu denken; und da Sie, wie ich fast vermute, meinen Hund während dieser Erzählung vergessen haben, so werden Sie mir es nicht übelnehmen, daß auch ich nicht mehr an ihn dachte. Mein Dienst nötigte mich, gleich den andern Morgen eine Reise anzutreten, von der ich erst nach vierzehn Tagen zurückkam. Ich war kaum einige Stunden wieder zu Hause, als ich meine Diane vermißte. Niemand hatte sich um sie bekümmert; meine Leute hatten sämtlich geglaubt, sie wäre mit mir gelaufen, und nun war sie zu meinem großen Leidwesen nirgends zu finden. – Endlich kam mir der Gedanke: sollte der Hund wohl gar noch bei den Hühnern sein? Hoffnung und Furcht jagten mich augenblicklich nach der Gegend hin, und siehe da, zu meiner unsäglichen Freude stand mein Hund noch auf derselben Stelle, wo ich ihn vor vierzehn Tagen verlassen hatte. »Piel! « rief ich, und sogleich sprang er ein, und ich bekam auf einen Schuß fünfundzwanzig Hühner. Kaum aber konnte das arme Tier noch zu mir ankriechen, so ausgehungert und abgemattet war es. Um ihn mit mir nach Hause bringen zu können, mußte ich ihn auf mein Pferd nehmen, und Sie können leicht denken, daß ich mich mit der größten Freude dieser Unbequemlichkeit unterzog. Nach einer guten Pflege von wenigen Tagen war er wieder so frisch und munter als zuvor, und einige Wochen darauf machte er mir es möglich, ein Rätsel aufzulösen, was mir ohne ihn wahrscheinlich ewig ungelöset hätte bleiben müssen.

Ich jagte nämlich zwei ganzer Tage hinter einem Hasen her. Mein Hund brachte ihn immer wieder herum, aber nie konnte ich zum Schusse kommen. – An Hexerei zu glauben, ist meine Sache nie gewesen, dazu habe ich zu außerordentliche Dinge erlebt; allein hier war ich doch mit meinen fünf Sinnen am Ende. Endlich kam mir aber doch der Hase so nahe, daß ich ihn mit meinem Gewehr erreichen konnte. Er stürzte nieder, und was meinen Sie, was ich nun fand? – Vier Läufe hatte mein Hase unter dem Leibe und viere auf dem Rücken. Waren die zwei untern Paar müde, so warf er sich wie ein geschickter Schwimmer, der auf Bauch und Rücken schwimmen kann, herum, und nun ging es mit den beiden neuen wieder mit verstärkter Geschwindigkeit fort. Nie habe ich nachher einen Hasen von der Art gefunden und auch diesen würde ich nicht bekommen haben, wenn mein Hund nicht so ungemeine Vollkommenheiten gehabt hätte. Dieser aber übertraf sein ganzes Geschlecht so sehr, daß ich kein Bedenken tragen würde, ihm den Beinamen des Einzigen beizulegen. wenn nicht ein Windspiel, das ich hatte, ihm diese Ehre streitig machte. Das Tierchen war minder wegen seiner Gestalt als wegen seiner außerordentlichen Schnelligkeit merkwürdig. Hätten die Herren es gesehen, so würden sie es gewiß bewundert und sich gar nicht verwundert haben, daß ich es so lieb hatte und so oft mit ihm jagte. Es lief so schnell, so oft und so lange in meinem Dienste, daß es sich die Beine ganz bis dicht unterm Leibe weglief und ich es in seiner letzten Lebenszeit nur noch als Dachssucher gebrauchen konnte, in welcher Qualität es mir denn ebenfalls noch manch liebes Jahr diente.

Weiland noch als Windspiel – beiläufig zu melden, es war eine Hündin – setzte sie einst hinter einem Hasen her, der mir ganz ungewöhnlich dick vorkam. Es tat mir leid um meine arme Hündin, denn sie war mit Jungen trächtig und wollte doch noch ebenso schnell laufen als sonst. Nur in sehr weiter Entfernung konnte ich zu Pferde nachfolgen. Auf einmal hörte ich ein Geklaffe wie von einer ganzen Kuppel Hunde, allein so schwach und zart, daß ich nicht wußte, was ich daraus machen sollte. Wie ich näher kam, sah ich mein himmelblaues Wunder. Die Häsin hatte im Laufen gesetzt, und meine Hündin geworfen, und zwar jene gerade ebensoviel junge Hasen als diese junge Hunde. Instinktmäßig hatten jene die Flucht genommen, diese aber nicht nur gejagt, sondern auch gefangen. Dadurch gelangte ich am Ende der Jagd auf einmal zu sechs Hasen und Hunden: da ich doch nur mit einem einzigen angefangen hatte.

Ich gedenke dieser wunderbaren Hündin mit ebendem Vergnügen als eines vortrefflichen litauischen Pferdes, welches nicht mit Gelde zu bezahlen war. Dies bekam ich durch ein Ohngefähr, welches mir Gelegenheit gab, meine Reitkunst zu meinem nicht geringen Ruhme zu zeigen. Ich war nämlich einst auf dem prächtigen Landsitze des Grafen Przobofsky in Litauen und blieb im Staatszimmer bei den Damen zum Tee, indessen die Herren hinunter in den Hof gingen, um ein junges Pferd von Geblüte zu besehen, welches soeben aus der Stuterei angelangt war. Plötzlich hörten wir einen Notschrei. Ich eilte die Treppe hinab und fand das Pferd so wild und unbändig, daß niemand sich getrauete, sich ihm zu nähern oder es zu besteigen. Bestürzt und verwirrt standen die entschlossensten Reiter da; Angst und Besorgnis schwebte auf allen Gesichtern, als ich mit einem einzigen Sprunge auf seinem Rücken saß und das Pferd durch diese Überraschung nicht nur in Schrecken setzte, sondern es auch durch Anwendung meiner besten Reitkünste gänzlich zu Ruhe und Gehorsam brachte. Um dies den Damen noch besser zu zeigen und ihnen alle unnötige Besorgnis zu ersparen, so zwang ich den Gaul, durch eins der offenen Fenster des Teezimmers mit mir hineinzusetzen. Hier ritt ich nun verschiedenemal, bald Schritt, bald Trott, bald Galopp herum, setzte endlich sogar auf den Teetisch und machte da im kleinen überaus artig die ganze Schule durch, worüber sich denn die Damen ganz ausnehmend ergetzten. Mein Rößchen machte alles so bewundernswürdig geschickt, daß es weder Kannen noch Tassen zerbrach. Dies setzte mich bei den Damen und dem Herrn Grafen so hoch in Gunst, daß er mit seiner gewöhnlichen Höflichkeit mich bat, das junge Pferd zum Geschenke von ihm anzunehmen und auf selbigem in dem Feldzuge gegen die Türken, welcher in kurzem unter Anführung des Grafen Münnich eröffnet werden sollte, auf Sieg und Eroberung auszureiten.


Quellenangabe: type: narrative - booktitle: Münchhausen -  author:    Gottfried August Bürger - year:  1976 - publisher:  Insel Verlag - title: Münchhausen -  pages: 4-5  - firstpub: 1786.

SKDP/7/001-7. § 7. Kurt Tucholsky: “Märchen”

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Kurt Tucholsky (nel 1928)
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Märchen
Kurt Tucholsky
(1890-1935)

[39] Es war einmal ein Kaiser, der über ein unermeßlich großes, reiches und schönes Land herrschte. Und er besaß wie jeder andere Kaiser auch eine Schatzkammer, in der inmitten all der glänzenden und glitzernden Juwelen auch eine Flöte lag. Das war aber ein merkwürdiges Instrument. Wenn man nämlich durch eins der vier Löcher in die Flöte hineinsah – oh! was gab es da alles zu sehen! Da war eine Landschaft darin, klein, aber voll Leben: Eine Thomasche Landschaft mit Böcklinschen Wolken und Leistikowschen Seen. Rezniceksche Dämchen rümpften die Nasen über Zillesche Gestalten, und eine Bauerndirne Meuniers trug einen Arm voll Blumen Orliks – kurz, die ganze moderne Richtung war in der Flöte.

Und was machte der Kaiser damit? Er pfiff drauf.

Quelle: Kurt Tucholsky: Gesammelte Werke in zehn Bänden. Band 1, Reinbek bei Hamburg 1975, S. 39. Permalink: http://www.zeno.org/nid/20005802857 Lizenz: Gemeinfrei.

SKDP/6/001-6. § 6. Honoré de Balzac: “Eine teure Liebesnacht”

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Honoré de Balzac
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Eine teure Liebesnacht
Honoré de Balzac
(1799-1850)

[217] In jenem Winter, da der Religionskrieg anhub und Amboise seinen Aufruhr versuchte, stellte ein Advokat namens Avenelles sein Haus in der Fratzengasse den Hugenotten für ihre Zusammenkünfte zur Verfügung. Das war ein widerwärtiger Rotbart, dem es ein Fest war, Leute baumeln zu sehen, geschmeidig wie ein Aal, bleich wie der[217] Tod und ein gewissenloser Verräter obendrein. Die Chronisten, die ihm in diesem Aufstande eine zweideutige Rolle vorwarfen, hatten, wie sich gleich zeigen wird, damit vollkommen recht. Dieser Kerl hatte ein wunderschönes Weiblein aus Paris geheiratet, auf das er dermaßen eifersüchtig war, daß er es für eine bedenkliche Falte im Bettlaken hätte ermorden können – als ob es nicht hochehrenwerte Falten dort geben könnte. Sie erkannte seine blutdürstige Bosheit sehr wohl und hielt das Bettuch wohlgeglättet, lebte in gutbürgerlicher Treue und war ihm allezeit zur Hand wie ein Leuchter, dienstbereit wie ein Schrank, den man nach Belieben benutzen kann. Trotzdem ließ er sie von einer alten Magd unablässig strengstens bewachen, einer häßlichen alten Vogelscheuche, die bei ihm aufgewachsen und ihm mit Leib und Seele ergeben war. Die einzige Zerstreuung für die arme junge Frau inmitten dieser eisigen Ehe war der Kirchgang: in der Johanneskirche traf sich bekanntlich die hochgestellte Gesellschaft, und so konnte sie während ihrer Gebete gierigen Auges alle die geschniegelten Herrlein eingehendst bestaunen. In einen bildschönen italienischen Edelmann aber, einen Freund der Königin-Mutter, vernarrte sie sich am Ende so, daß ihr rechtschaffenes Bürgerherz sich wider die Bande der Ehe aufbäumte und diese Fesseln gern gesprengt hätte. Und ihm erging's nicht besser, denn, der Teufel weiß selbst nicht wie – er merkte ihre stumme Bewunderung, und bald waren sie einverstanden. Sie putzte sich für den Kirchgang mit erwähltesten [218] Schmuckstücken, und er trat stets zu ihrem Betschemel und umgaukelte sie mit beredten Blicken. Guckte die Magd nicht hin, dann drückten sie sich verstohlen und liebkosten und schleckten sich mit lohenden Augen, die eine Lunte entzündet hätten. Und solche Liebe mußte natürlich zum Ziele führen.

Der Edelmann verkleidete sich als Student, freundete sich mit des Advokaten Schreibern an und zechte mit ihnen, um sie über des Ehemannes Treiben und seine Lebensgewohnheiten auszuholen. Und eine Gelegenheit, selbigen zu hörnen, hatte er bald erlauscht. Der Advokat blieb über die Verschwörung immer auf dem laufenden, um seine Glaubensbrüder gegebenen Falles zu verkaufen. Als nun der Hof in Gefahr schwebte, zu Blois entführt zu werden, beschloß er, dorthin zu reisen. Sobald der Edelmann das hörte, eilte er ihm voraus und tiftelte eine Falle aus, in die auch der gerissene Advokat fallen mußte. Der liebestolle Italiener ließ nämlich sein gesamtes Gefolge kommen und verteilte es so in der Stadt daß der Advokat alle Gasthöfe besetzt finden mußte. Dem Wirt zur ›goldenen Sonne‹ aber mietete er seinen Gasthof ab, schickte ihn mit seinen Leuten sicherheitshalber aufs Land, verteilte seine Freunde in alle Zimmer bis auf dasjenige, so der Advokat mit Weib und Magd beziehen sollte, und das darüber, so er für sich nahm. In dem Fußboden seines Zimmers ließ er eine Falltür aussägen, sein Schaffner mußte den Wirt, seine Pagen die Dienerschaft spielen, und so erwartete man die Hauptpersonen [219] der Posse, die auch alsbald eintrafen. Ob der Anwesenheit des jungen Königs und des Hofes war die Stadt mit Gefolge und Soldaten so überfüllt, daß kein Mensch auf die Vorgänge in der ›goldenen Sonne‹ achtete. Und aus gleichem Grunde war der Advokat seelenfroh, als er dorten unterkam. Kaum war er eingezogen, so schlenderte schon der Edelmann über den Hof, um einen Blick seiner Herzliebsten zu ergattern, und da die Frauen immer neugierig Umschau halten, brauchte er nicht lange zu warten. Als sie ihr Schätzlein erschaute, da bubberte ihr Herz und sie seufzte: »O, du holder Sonnenstrahl!« als ob sie mit dem blinkenden Tagesgestirn redete. Der Advokat aber sprang herzu, sah drunten den Edelmann und schrie: »Aha! Dem da gilt das!«

Und er packte sie beim Arm und warf sie wie einen Sack aufs Bett: »Du meinst wohl, mein Taschenmesser taugt nicht als Degen?! Bis zum Herzen reicht es, wenn's not tut. Das merke dir!«

Angewidert von seiner Bosheit sprang sie auf und rief: »Jawohl, tötet mich nur. Bis heute hätte ich mich geschämt, Euch zu hintergehen, aber nun sollt Ihr mich nimmermehr berühren, und ich werde nur noch streben, Euch mit einem Liebsten zu betrügen, der nicht so abstoßend ist wie Ihr.«

»Nun, nun!« meinte der Advokat verdutzt, »ich bin zu weit gegangen, Liebchen. Komm, einen Kuß und verzeih!«

»Weder Kuß noch Verzeihung. Ihr ekelt mich!«

Wutschnaubend wollte er beides erzwingen. Aber in [220] dem Kampfe wurde er übel zugerichtet und dann mußte er zur Beratung der Verschworenen, also daß ihm nichts übrig blieb, als sein Weib unter der Wacht der Magd zurückzulassen. Kaum war der Stänker aus dem Hause, so stellte der Edelmann einen Späher an die Straßenecke, eilte dann in sein Zimmer, hob lautlos die Falltür und machte: »Pst, pst!«; kaum vernehmlich – aber was hört nicht ein liebend Herz! Das Weiblein schaute empor und sah ihn, vier Flohsprünge über sich. Zwei Seidenstricke mit Metallringen glitten nieder, sie hing sich in die Ringe und im Nu hob sie eine Winde in das Zimmer oben. Flugs die Klappe zu, so leise wie zuvor, und die alte Magd war drunten allein. Als sie sich umschaute, und von ihrer Herrin auch nicht ein Zipfelchen erblickte, ward ihr schlecht vor Schreck. Entführt! aber wie, von wem, wohin?!! Zerschmettert wartete sie auf ihren Herrn, harrte sie ihres Todes: denn bei dessen Wut mußte alles daran glauben, und entweichen konnte sie nicht, maßen er die Stube abgeschlossen hatte. – Inzwischen fand die Schöne droben ein treffliches Mahl, und ihres Liebsten Herz lohte heißer, denn die Flammen im Kamin. Mit Freudentränen umhalste und küßte er sie, erst auf die Augen, dann auf das Schnäbelchen, und sie ließ sich gern von ihm herzen und liebkosen, streicheln und drücken, wie seine lechzende Liebe es ihm eingab. Beide beschlossen, die Nacht zusammenzuverbringen, mochte kommen was da wollte, und ohne viel an das Essen zu rühren, schlüpften sie flugs ins Bett, allwo wir sie ruhig lassen wollen, sintemalen [221] kaum Engelszungen ihre holden Wonnen und Seligkeiten beschreiben könnten.

Indeß die zwei das Hörnen übten, war's dem Ehemanne auch sonsten quer gegangen: die Hugenotten hatten unter Condé die Entführung des Hofes fest beschlossen, worob dem Advokaten um seinen Kragen bange ward. Ohne seinen keimenden Stirnschmuck zu merken, lief er zum Kardinal von Lothringen und verriet die Sache. Der nahm ihn zu seinem Bruder, dem Herzoge; alle drei berieten, und erst um Mitternacht konnte der Advokat, mit Verheißungen wohl bedacht, aus dem Schlosse schleichen. Um diese Zeit feierten die Pagen des Edelmannes just dessen Liebesglück mit einem Festgelage, wo es hoch herging. Als Avenelles in dies Konzert von trunkenem Geschrei und Rülpsen hineinschneite, hagelte es anzügliche Bosheiten, also daß er bereits zornesbleich auf sein Zimmer kam. Dorten fand er nur die Magd, die gar nicht erst zum Reden kam, maßen ihr ein Faustschlag den Mund stopfte. Während er einen Dolch herauskramte, vernahm er hold-verliebtes Kichern und gar unzweideutiges Geflüster. Der pfiffige Kerl blies flink die Kerze aus, und sah nun droben einen Lichtschein durch die Ritzen der Falltür schimmern, was ihm das Rätsel löste, zumal er seines Weibes Stimme erkannte. So packte er die Magd beim Arme, glitt mit Katzentritten die Stiege hinauf, erspähte die verdächtige Stube, sprengte mit einem wilden Anprall die Tür und stürzte auf das Bett zu, wo er sein Weib halbnackt in den Armen ihres Liebsten erblickte.[222]

Sie kreischte auf, der Edelmann packte die Faust des Rechtsverdrehers und suchte vergeblich, ihm den Dolch zu entreißen, und der Ehemann hatte in diesem Kampf um Tod und Leben nicht so sehr unter seines Stellvertreters Eisengriffen, denn unter den grimmigen Bissen seines Weibes zu leiden, das an ihm hing wie ein Hund am Knochen. Um seiner Rache zu frönen, hieß der neugehörnte Teufel daher der Magd im Bauernplatt, die zwei mit jenen Seidenstricken einzuschnüren, warf seinen Dolch von sich, und im Handumdrehen war das Pärchen überwältigt, gebunden und geknebelt. Just griff er wieder nach seinem Dolche, als mehrere Offiziere des Herzogs von Guise in das Zimmer drangen, die bereits das ganze Haus nach dem Advokaten durchsucht hatten. Ein Page des Edelmannes, der seinen Herrn in diesem Zustande sah, rief ihnen zu, den Tobenden zu entwaffnen; die Soldaten warfen sich auf Avenelles, und da sie den Auftrag hatten, ihn zu verhaften, so schleppten sie ihn nebst Weib und Magd in das Schloßgefängnis. Den Edelmann aber, mit dem die Königin dringend Rats zu pflegen wünschte, baten sie, mitzukommen. Schnell wurde er losgebunden und angekleidet, worauf er den Anführer der Truppe zur Seite nahm und bat, ihm zu Gefallen und auf seine Verantwortung den Advokaten und sein Weib getrennt unterzubringen. Ja, er versprach ihm hohe Auszeichnungen, wenn er die Frau zu ebener Erde nach dem Garten hin unterbrächte, den Mann aber in einem Kerkerloche in Ketten legte, und erklärte ihm die Sachlage [223] und die Mordlust des Ehemanns. Der Offizier versprach ihm das alles und der Edelmann durfte seine Liebste sogar bis zur Tür des Gefängnisses begleiten. Dort wurde Avenelles in ein unterirdisches Verließ geworfen, sein Weib aber über ihm in einer kleinen Zelle untergebracht. War doch ihr Liebster der schwerreiche Scipio Sardini aus Lucca, der Freund der allmächtigen Katharina von Medici. Zu dieser eilte selbiger alsbald, erfuhr in geheimer Beratung, um was es sich handelte, und riet den Verzagten, den König einfach ins Schloß Amboise zu überführen und die Ketzer wie Füchse im Bau zu stellen und zu töten. Bekanntlich wurde solchermaßen der Aufstand erstickt, aber das gehört nicht hierher. Als die Ratgeber gen Morgen die Königin verließen, vergaß Sardini seine Liebste keineswegs, obwohl er scharf hinter der schönen Limeuil her war. Er fragte den Kardinal von Lothringen, warum der Advokat eingelocht sei, worob jener erwiderte: ›Nur zur Vorsicht, bis die Sache erledigt ist. Nachher wolle er ihn freilassen.‹

»Freilassen!« rief Sardini. »Um Gottes Willen! In einen Sack und in die Loire mit ihm! Der wird Euch seine Gefangenschaft nie verzeihen, und solches Ketzers Tod kann Gott nur wohlgefällig sein. Für die Frau werde ich dann sorgen.«

»Ganz recht,« meinte der Kardinal. »Ein guter Rat! Ich werde gleich das Nötige anordnen.« Flugs befahl er dem Profoß, die beiden strengstens zu überwachen und besonders den Advokaten als wichtige Persönlichkeit zu [224] behandeln. – Aus gleichem Grunde war selbiger auch nicht ausgeraubt worden, und da er so über dreißig Gülden verfügte, beschloß er, selbige seiner Rache zu opfern und mit ihrer Hilfe die Gefängniswärter zu überzeugen, daß er sein Eheweib sehen müsse. Sardini fürchtete für seine Liebste diese blutdürstige Nachbarschaft, und um allem Unheil vorzubeugen beschloß er, sie über Nacht zu entführen. Er mietete also Schiffer mit ihrem Boote, die sich an der Brücke bereit halten mußten, ließ durch drei seiner gewandtesten Leute die Gitterstäbe durchfeilen und befahl ihnen, die Frau herauszuholen und zur Gartenmauer zu bringen. Er selbst eilte zur Königin-Mutter und bat sie für all seine Anordnungen um gnädige Zustimmung, die er auch erhielt. Auf ihr Geheiß wurden die Wächter vom Turme entfernt, die Leute des Edelmannes nahmen das Gitter heraus, und die Frau kam alsbald heraus und wurde zu dem harrenden Edelmanne geleitet.

Als aber die Mauerpforte zufiel und der Italiener mit seiner Liebsten draußen war, da warf selbige ihren Mantel ab und siehe da – es war der Advokat, der jach dem andern an die Kehle sprang, ihn würgte und zum Ufer zerrte, um ihn zu ersäufen. Sardini kämpfte, schrie, zog den Dolch, aber mit diesem Satan konnte er nicht fertig werden. Überwältigt sank er in den Morast, und während ihm die Sinne schwanden, sah er noch im Mondschein, daß seines Gegners wutentstellte Fratze von dem Blute der armen Frau troff. Der Advokat hielt den Italiener [225] für tot; schon eilten Gewaffnete mit Fackeln herbei, doch fand er noch Zeit, in den Kahn zu springen, und floh eiligst davon.

Aber sein Weib war die Einzige, die ihr Leben ließ, denn Sardini überstand den Mordanfall und gesundete mählig von dessen Folgen. Später führte er bekanntlich die schöne Limeuil heim, nachdem selbige heimlich in dem Zimmer der Königin eines Kindleins genesen war. Die Ehe mit Sardini mußte das bemänteln und zum Lohne kriegte er noch obendrein das Schloß und die Herrschaft Chaumont. Aber lange hielt er nicht vor, denn der Advokat hatte ihm doch zu arg mitgespielt, und so ward die schöne Limeuil in ihrer Ehe Maienzeit Witwe. – Dem Advokaten aber hatte man nicht weiter nachgesetzt, vielmehr gelang es ihm gar, später mit in die Amnestie aufgenommen zu werden, worob er zu den Hugenotten zurückkehrte und für sie in Deutschland wirkte.
 

Quelle: Honoré de Balzac: Die drolligen Geschichten welchselbige der wohledle Herr von Balzac als Festtagsschmaus für alle Pantagruelskindlein in den Abteien der Touraine sammelte und ans Licht zog. Berlin [o.J.], S. 217-226. Permalink: http://www.zeno.org/nid/20004493087 Lizenz: Gemeinfrei.